Löffeltanz im Hippocampus
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Während meiner Arbeit an diesem Projekt drängten sich mir im Oktober 2004 neue Fragen zum Löffeltanz auf: zu seiner Herkunft, seiner soziokultureller Einbettung, zu seiner ihm zugesprochenen Authentizität. Die Möglichkeiten der Recherche mit Hilfe von E-Mail und Internet schienen ausgeschöpft zu sein, sodass ich beschloss nach Athen zu fliegen. Im Februar und März 2005 flog ich für je zehn Tage in die griechische Hauptstadt, um die Spurensuche weiter zu verfolgen.



1. Reise: Athen, Februar 2005

10.02.05
  • Besuch des Historischen Nationalmuseums im alten Parlamentsgebäude, um nach kleinasiatischen Trachten zu suchen
  • Im Zentrum für kleinasiatische Studien laufe ich zufällig dem Musikologen Markos Dragoumis über den Weg, mit dem ich seit Beginn meines Projekts in Briefkontakt stehe. Der persönliche Kontakt ist stark motivierend.
  • Dragoumis stellt mich Alkis Raftis vor, dem Präsidenten des Dora-Stratou-Theaters, eines der zentralen Stätten der Pflege des griechischen Tanzes.

11.02.05
  • Dora-Stratou-Theater: erneutes Gespräch mit Raftis und anschließende Recherche im Theaterarchiv. Raftis bietet mir an, zusammen mit ihm eine Publikation über Karsilamades (Paartänze, meist locker gegenüberstehend, aber mit einfacher Schrittfolge) zu verfassen.

13.02.05
  • Besuch meiner Freundin Leto Seferiades, einer entfernten Verwandten von Angeliki Hadjimichali (18951965, international renommierte Volkskundlerin) und Freundin der bekannten Sängerin Domna Samious. Diese beschäftigt sich unter anderem mit kleinasiatischer musikologischer Feldforschung. Seferiades vermittelt ein Treffen mit der Interpretin bei ihrem Konzert im Musiki Megaron, Athen, am 8. und 9. März 2005, bei dem sie kleinasiatische Lieder vortragen wird.

14.02.05
  • Gespräch mit Markos Dragoumis im Zentrum für kleinasiatische Studien über die Musikologin Melpo Merlier, der Gründerin des Zentrums

15.02.05
  • Besichtigung des Museums für volkstümliche griechische Musikinstrumente, ich entdecke eine Vitrine mit Löffeln, die als Instrumente benutzt wurden.
  • Im Zentrum für Volkskunst und Brauchtum der Stadt Athen (Wohnhaus von Angeliki Hadjimichali) sehe ich eine Vitrine mit kunstvoll geschnitzten griechischen Holzlöffeln verschiedenster Provenienz.
  • Besuch des Museums für griechische Volkskunst
  • Mit Alkis Raftis spreche ich über die geplante Publikation, studiere nochmals alte Reiseaufzeichnungen und einige Dissertationen über Tanz.
  • Gespräch mit der Tanzhistorikerin Marigoula Kritsioti, Tanzforscherin für das Dora-Stratou-Theater und Leiterin einer Vortragsreihe des International Dance Council der Unesco, Paris

18.02.05
  • Markos Dragumis gibt mir Fotokopien zum Löffeltanz, die ihm Herr Papadopoulos, der kleinasiatische Vorfahren hat, zur Verfügung gestellt hat.
  • Interview mit Herrn Mavropolous, künstlerischer Leiter der Tanzkompanie des Dora-Stratou-Theaters. Er führt mir ein > Video vor, das TänzerInnen eines kappadokischen Brauchtumsvereins zeigt, die den Choros ton koutalio n (Löffeltanz) sehr frei interpretieren.
  • Gespräch mit Alkis Raftis, der mich an einen kleinasiatischen orthodoxen Priester verweisen wollte, der in den 50er-Jahren Dora Stratou kappadokische Tänze beibrachte. Der Priester jedoch war einige Tage zuvor verstorben.
  • Einladung beim Kunstsammler Yannis Christoforakos und seiner Frau Angeliki. Sie schlägt mir ein Treffen mit Franzesca Langenfass vor, der Direktorin des Gymnasiums der deutschen Schule in Athen. Ihre Vorfahren kamen aus Kleinasien, weshalb sie sich in einem Verein, der sich mit der Geschichte ihres von Flüchtlingen gegründeten Stadtteils beschäftigt, engagiert.


2. Reise: Athen, März 2005

08.03.05
  • Diverse Holzlöffel in der Plaka, der Altstadt Athens, fotografiert (und gekauft). Das Konzert Domna Samious ist erstaunlicherweise mehr eine Show als ein Konzert. Fast bei jedem Stück gibt es eine andere Bühnenbesetzung mit mehreren Tanzgruppen, Chören, verschiedenen Sängern sowie auch reinen solistischen Instrumentalstücken. Dies alles geschieht vor einer bühnenfüllenden Videoprojektion mit historischen und heutigen Filmaufnahmen über Kleinasien. Löffel als Tanz-, Gesangs- und Instrumentalbegleitung erscheinen mehrfach. Sehr anregend sind die Tanzeinlagen einer Gruppe, die in Alltagskleidung kleinasiatische tanzen, der Löffeltanz wird ohne Choreografie im Gegensatz zur Löffeltanzaufführung des Dora-Stratou-Theater praktiziert. > Video

09.03.05
  • Im Zentrum für kleinasiatische Studien fotografiere ich die historischen Löffel der Instrumentensammlung. Im Flur hängen Fotos aus Kleinasien, vor allem interessiert mich eines aus den 50er/60er-Jahren, das zwei Männer in einer Umarmung im Moment der Verabschiedung mit stark bewegtem, aber diszipliniertem Gesichtsausdruck zeigt. Es sind ein Türke und ein Grieche, die früher Schulfreunde in Kappadokien waren und sich beim Besuch des Griechen in seiner ehemaligen Heimat wieder begegneten.
  • Besuch des Lykion ton Ellinídon (Lyzeum griechischer Frauen), beeindruckendes Gespräch mit der Volkskundlerin Evangelia Antzaka. Ich habe das Gefühl, hier wirklich einen Schritt voran-, der Sache näher zu kommen.
  • Gehe zum zweiten Mal ins Domna-Samiou-Konzert und suche den Backstagebereich nach dem Konzert auf. Domna lädt mich ein, mit ihr und den SängerInnen in eine Taverne zu gehen. Dort singen sie fast die ganze Zeit zottige Karnevalslieder.

10.03.05
11.03.05
  • Im Lykion ton Ellinídon treffe ich Lefteris Drandaki, Leiter der Lykion-Tanzgruppe, und Evangelia Antzaka zu einem aufschlussreichen Gespräch. Drandaki hat Fernsehaufnahmen einer Dokumentarserie aus den 70er/80er-Jahren über Tänze kleinasiatischer Flüchtlinge mitgebracht. Abermals wird die Authentizität dieser Tänze problematisiert. > Video
  • Markos Dragoumis zeigt mir ethnografische Archivmaterialien kleinasiatischer SängerInnen.
  • Zentrum für Volkskunst und Brauchtum der Stadt Athen: Ich erkundige mich nach der Leiterin des Museums Stella Konitsioti, um etwas über Angeliki Hadjimichali zu erfahren. Bemerkenswert ist, dass jeweils Frauen sich um griechische Volkstraditionen bemühten und Institutionen initiierten, etwa die Volkskundlerin Hadjimichali, die Musikologin Melpo Merlier (die in den 1930er-Jahren Lieder kleinasiatischer Flüchtlinge aufnahm, woraus das Zentrum für kleinasiatische Studien hervorging), Dora Stratou (die in den 1950er-Jahren ein lebendes Museum für griechischen Volkstanz als Theater gründete), das 1911 von einer Frau gegründete Lykion ton Ellinídon (das sich auf griechische Volkskunst besann und damals feministische Ziele hatte) und Domna Samiou.

13.03.05
  • Einladung bei Marigoula Kritsioti; Naira Kilichian, Tanzforscherin aus Erivan/Armenien, ist ebenfalls eingeladen. Es ist spannend über das armenische Pendant des Löffeltanzes zu hören.
  • Es ist der letzte Karnevalstag in Athen, überall laufen verkleidete Kinder und Erwachsene herum, es wird sehr ausgiebig und dionysisch gefeiert.

15.03.05
  • Zentrum für Volkskunst und Brauchtum der Stadt Athen: Da die Leiterin nicht da ist, verweisen mich die Damen vom Sekretariat an den Bibliothekar, der mir ein ganzes Buch über Angeliki Hatzmichaeli kopiert.
  • Fahrt nach Nea Ionia, einem ehemaligen Flüchtlingsstadtteil Athens, wo mich Franzesca Langenfass von der Metrostation abholt und durch ihren Stadtteil führt. Zu fast jedem Gebäude erzählt sie etwas und weist mich auf die Flüchtlingshausarchitektur hin, meist kleine einstöckige einfache Häuser, in denen viele Menschen auf kleinem Raum leben. Meist werden die Häuser abgerissen, der Grund teuer verkauft und Hochhäuser errichtet. Die Geschichte von Flucht und Emigrationsproblematik wiederholt sich, indem dort in den alten baufälligen Häusern nun zum Beispiel pakistanische EmigrantInnen leben.

16.03.05
  • Im Dora-Stratou-Theater bespreche ich mit Alkis Raftis das weitere Vorgehen für die Publikation und fotografiere die Kostümwerkstatt.
  • Ich suche das Kriegsmuseum auf, um etwas über die Balkankriege zu recherchieren, doch sind die Abteilungen geschlossen.
  • Das Historische und Volkskundliche Museum der Schwarzmeergriechen, das ich aufsuche, liegt außerhalb des Stadtzentrums in Nea Smirni, erbaut von Menschen aus dem heutigen Izmir.

17.03.05
  • Rückflug nach Wien




Bettina Henkel, Secession 2004






































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